Freitag, 30. Juli 2010
Losung und Lehrtext für Freitag, 30. Juli 2010:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Psalm 139,5

Ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.
Johannes 16,26-27
Zwischen pragmatischer Hilfe und Stützung des Systems: „Lebensmittelverteilung an Bedürftige“ war Thema bei „Evangelisch betrachtet“ Drucken E-Mail

 „Tafeln und ähnliche Initiativen helfen pragmatisch da, wo Hilfe benötigt wird.“ Darüber waren sich die Gäste auf dem Podium und die Stimmen aus dem Publikum beim  Diskussionsabend mit dem Titel „Und ihr habt mir zu essen gegeben“ einig. Das Evangelische Dekanat Rodgau hatte in der Reihe „Evangelisch betrachtet“ nach Urberach eingeladen: In den Räumen der Petrusgemeinde und am praktischen Beispiel des „Rödermärker Brotkorb“ diskutierten Gäste und Betroffene mit Moderator Boris Slamka, Dekanatsreferent für Gesellschaftliche Verantwortung. Dabei ging es um „Tafeln und Lebensmittelverteilung zwischen Überfluss und Mangel, staatlicher Hilfe und ehrenamtlichem Engagement“. 

 Wie wichtig neben dem Austeilen von Lebensmitteln persönlicher Kontakt und Umgang mit Betroffenen seien, machten sowohl Kunden des „Brotkorb“ als auch Ingeborg Strasser, die sich intensiv für die ökumenische Hilfsinitiative einsetzt, klar. 

Neben dieser Hilfe sei jedoch vor allem die Diskussion um grundlegende Werte in der Gesellschaft wichtig. Darauf wies Hans Seydel vom Diakonischen Werk in Hessen und Nassau hin. „Wie konnte es dazu kommen, dass zentrale Prinzipien wie Solidarität oder Gerechtigkeit in der Gesellschaft kaum mehr eine Rolle spielen?“, fragte er im Hinblick auf die Sozialgesetzgebung im Zuge der „Agenda 2010“-Reformen. Die „Tafel“, die sich selbst als „größte soziale Bewegung Deutschlands“ begreife, biete neben der Milderung von Hilfsbedürftigkeit keine Ansatzpunkte, die die Ursachen von Armut und Benachteiligung bekämpften. 

Eine Rückkehr zu den Werten einer gerechten Gesellschaft forderte auch in spiritueller Hinsicht der Dekan des Evangelischen Dekanats Rodgau, Carsten Tag: „Die evangelische Kirche steht für die Würde der Menschen im Sinne der christlichen Nächstenliebe ein.“ Das bedeute auf der einen Seite entschlossenes Handeln zur Milderung von Not, auf der anderen Seite auch gesellschaftspolitische Forderungen: „Wer über den Mangel spricht, muss auch den Überfluss ins Auge fassen.“ 

Wolfgang Geiken-Weigt vom Fachbereich „Kinder, Jugend und Senioren“ der Stadt Rödermark wies auf die vielen Facetten von Armut hin: „Nicht nur die Kunden von Tafeln und Brotkörben sind hilfebedürftig. Die alte Dame, die mit einer kleinen Rente allein in einem renovierungsbedürftigen Haus sitzt, wird in der Öffentlichkeit kaum sichtbar.“ Gleichzeitig versuchte der Leiter der Fachabteilung „Senioren und Sozialer Dienst“, Vorurteile und Ängste gegenüber kommunaler Verwaltung abzubauen: „Auch wir unterliegen einer Schweigepflicht. Niemand außerhalb des Sozialamts wird erfahren, in welcher Angelegenheit ein Betroffener bei uns gewesen ist.“ Ausdrücklich forderte er Bedürftige auf, von den ihnen zustehenden Leistungen Gebrauch zu machen. 

Am Ende des Abends war eines deutlich geworden: „Tafelarbeit muss sich in letzter Konsequenz dafür einsetzen, zukünftig überflüssig zu werden.“ 

Kai Fuchs

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 27. Oktober 2009 um 21:08 Uhr